Neue Bewohner in Ziegelhausen – die Geflüchteten
Spaziert man in den letzten Jahren durch Ziegelhausen oder geht hier einkaufen, so begegnet man häufiger Mitbewohnern, die eher hier nicht geboren sind. In den Kitas und in der Schule spielen und lernen zunehmend Kinder, für die die deutsche Sprache noch fremd ist. Wer sind diese neuen Nachbarn, die als Flüchtlinge zu uns gekommen sind? Woher kommen sie? Wie wohl fühlen sie sich hier? Was wissen wir über ihr Leben und sie über uns? Wie können wir sie unterstützen, um in Deutschland gut anzukommen? Diese und weitere Fragen beschäftigen mich im folgenden Text. Seit 2017 lerne ich Flüchtlinge bei der Freiwilligenarbeit vor Ort kennen. Ich bin immer wieder beeindruckt darüber, wie sie ihr Leben hier meistern, und lerne so manches von ihnen. Mit einigen habe ich Interviews geführt, wovon ich im Folgenden erzählen möchte. Natürlich ist das nicht repräsentativ, dennoch kann es für viele von uns einen kleinen Einblick in das Leben von Geflüchteten geben.
 
In diesen Tagen des Jahres 2024 erscheint es mir notwendiger denn je, auf die einzelnen Geflüchteten als Menschen zu schauen, auf die ihnen zustehenden Menschenrechte, auf ihre Erfolgsgeschichte, auf die Bereicherung auch für uns und von der allgemeinen Erzählung wegzukommen, die Geflüchteten seien eine Bedrohung für uns. Gab es nicht einmal eine Willkommenskultur? Bald sind es außerdem 10 Jahre her, dass Pfarrer von Uslar-Gleichen mit der Planung zu möglichen Hilfestellungen für die Neuankömmlinge begann. Ein weiterer Grund, zurückzublicken. Nun aber der Reihe nach!
 
Was prägte die Lage 2015/2016 in Deutschland?
Keine/r von uns wird die Bilder vergessen, als 2015 und 2016 über 1,3 Mio. geflüchtete Menschen zu uns nach Deutschland kamen – nach langer, meist unerträglich mühsamer und gefährlicher Reise, geflüchtet vor islamistischem Terror, Diktatur, Hunger, Dürre durch Klimawandel, Angst um das eigene Leben. Die meisten von ihnen kamen aus Syrien, Afghanistan und dem Iran. Zwei Drittel waren Männer, meist junge Männer, die vor der Perspektivlosigkeit oder dem Militär flohen. 2016 waren unter den Asylantragstellern außerdem 36.000 unbegleitete minderjährige Geflüchtete (10% davon Mädchen), die bereit waren, ihre Familie zu verlassen, nur um den Verfolgungen, Unterdrückungen und der Perspektivlosigkeit im Heimatland zu entgehen.
 
Wie sah es in Heidelberg aus?
Die Geflüchteten wurden in ganz Deutschland verteilt, Heidelberg plante, in jedem Stadtteil 100 Geflüchtete aufzunehmen, Menschen, für die zunächst eine Wohnung bereitgestellt werden musste. Letztendlich waren es jedoch nicht so viele, da durch das zentrale Ankunftszentrum in Patrick-Henry das Kontingent reduziert wurde.
 
Bereits Anfang 2015 war angesichts der Lage für Pfarrer von Uslar-Gleichen und die Diakonie klar, dass die neuen Mitbürger/innen von Ziegelhausen Hilfe und Unterstützung benötigen werden, um hier Fuß fassen zu können. Ca. zwei Jahre lang wurden von ihm vorbereitende Gespräche vor allem mit der Stadt geführt, auf einen Raum als Begegnungsstätte gewartet und eine Gruppe von bis zu 40 freiwilligen Helferinnen und Helfern zusammengestellt. Diese trafen sich dann im Vorfeld mit ihm einige Male, es wurden sehr engagiert Ideen gesammelt, was getan werden könnte und müsste, um den fremden Neuankömmlingen zu helfen.
 
Als dann von der Stadt im Zentrum von Ziegelhausen zwei Mehrfamilienhäuser renoviert wurden als Anschlussunterbringung für Flüchtlingsfamilien, stand dort, zentral gelegen in der Kleingemünder Straße, eine geeignete Räumlichkeit als Begegnungsstätte zur Verfügung. Schließlich wurde dort im August 2017 das Café Z aus der Taufe gehoben. Ab da kamen unter Leitung von Pia von Uslar-Gleichen ca. 12 der Helfer/innen mit den Geflüchteten regelmäßig alle 14 Tage im Café Z zusammen, das zwei Räume mit Küchenzeile und Spielebene für Kinder bietet. Nur in der Coronazeit musste das Treffen eineinhalb Jahre lang unterbrochen werden. Bemerkenswert ist, dass diese Unterbrechung weder bei den Besuchern noch bei einigen Helfern dazu führte, dass die Begegnungen danach eingestellt wurden.                                                
                                                                             
Was bot und bietet das Café Z in Ziegelhausen als neuer Treffpunkt?
Im Vordergrund der ersten Jahre stand eindeutig die Hilfe bei Behördengängen, Hilfe bei den unzähligen Schreiben der Behörden (die oft auch für die Helfer/innen nicht einfach zu verstehen waren) und Hilfe beim Spracherwerb. Hierfür bildeten sich teilweise Tandems von Einheimischen und Geflüchteten für Konversation und Hausaufgabenhilfe. Nach einiger Zeit kam die Unterstützung bei der Suche nach Kitaplätzen oder Wohnungssuche hinzu, nachdem die Familie sich durch Nachwuchs vergrößert hatte. War der Spracherwerb erfolgreich, ging es um die Ausbildungsplatz- und Jobsuche. Auch hierbei gab es Unterstützung durch die Helferinnen und Helfer.
 
Die Verteilung gespendeter Möbel, von Fahrrädern, Geschirr und Kleidung erwies sich zunehmend als hilfreich, was letztlich auch ein Beitrag zu Nachhaltigkeit war und ist, viele schöne Dinge fanden so ein zweites Leben. Natürlich bot und bietet das regelmäßige Treffen im Café Z bei Kaffee und Kuchen vor allem Gelegenheit, sich kennenzulernen, andere Kulturen kennenzulernen, miteinander entspannt zu plaudern, Freundschaften zu schließen und auch weiter in der Kommunikation mit der deutschen Sprache zu kommen.
 
Die Kontaktmöglichkeiten bei den Treffen im Café Z machten es auch möglich, dass feste Zweierkontakte entstanden. So hatten bald viele der Geflüchteten eine feste Ansprechperson bei Problemen oder für Einzelfallhilfen, es kam zu regelmäßigen Zweiertreffen, was sich über mehrere Jahre hinweg etablierte.
 
Die Spielangebote für die Kinder waren von Anfang an sehr beliebt und leisten deutlich erkennbar für sie einen wichtigen Beitrag, um hier anzukommen. Die Kinder können dort zeitweise alleine spielen, bekommen aber bei jedem Treffen auch Angebote von den Helfer/innen. Eine Beobachtung am Rande: Man merkt inzwischen den Kindern an, wenn sie nach einigen Jahren eine Möglichkeit bekommen haben, in eine Kita zu gehen. Die Sprache verbessert sich, sie werden entspannter. Es ist schön, das zu sehen.
 
Nicht vergessen werden sollen auch die jährlichen Sommerfeste, organisiert von Pfarrer Uslar-Gleichen und seiner Frau Pia. Die ersten Jahre wurde im Hof der Häuser in der Kleingemünder Straße der Grill angeschmissen, die letzten Jahre im großen Garten der Mätthäusgemeinde. Die Feste waren immer sehr gut besucht, die vergnügten Kinder schienen es besonders zu genießen.
 
Über 120 verschiedene Flüchtlinge mit Kindern besuchten bisher das Café Z, manche regelmäßig, andere seltener. Rund 300 Besuche von Geflüchteten gab es zum Beispiel 2023 im Café Z. Im Durchschnitt sind 12 Geflüchtete (einschl. deren Kinder) bei einem Treffen, wobei die Beteiligung zwischen 2 und 26 Personen schwankt. Auch Gäste finden sich immer wieder ein. Letztere sind entweder Freunde oder Verwandte von den in Ziegelhausen und Schlierbach lebenden Geflüchteten oder auch alteingesessene Ziegelhäuserinnen und Ziegelhäuser, die aus Interesse vorbeischauen. Interessiert, teils zaghaft oder skeptisch nutzen sie sehr gerne diesen Ort zum Plaudern, Kaffee trinken und „die neuen Fremden“ kennenzulernen. In solchen Momenten wird immer wieder deutlich, wie schön es wäre, ein entsprechendes Dorfcafé hier in Ziegelhausen zu haben.
 
Von den Helfern und Helferinnen kommen nach wie vor meist fünf Personen zu den Treffen, wobei auch hier das bekannte Phänomen vorliegt: Beteiligten sich in den ersten zwei Jahren regelmäßig auch männliche Helfer, sind inzwischen die Frauen meist unter sich (!).
Bis heute zeigt sich des Weiteren, dass ein solcher regelmäßiger Treffpunkt nur funktioniert, wenn sich eine Person kümmert und verantwortlich fühlt. Beim Café Z ist es Pia von Uslar-Gleichen, sie verfasst die Einladungen (zur Erinnerung!), erstellt Protokolle, notiert wichtige Dinge, organisiert etc. Ohne sie gäbe es das Cafè Z vermutlich nicht mehr.   
 
Die Ziegelhäuser Flüchtlinge im Allgemeinen
Auf welchen Wegen kamen die Geflüchteten hierher, wie war die Reiseroute?
Die Einreise mit dem Touristenvisum und Flugzeug ist die Ausnahme. Alle Interviewten aus Afghanistan und Syrien kamen über dem Landweg oder über das Mittelmeer (Schlauchboot) nach Europa (s.u.).
 
Menschen aus folgenden Nationalitäten trafen sich im Laufe der Jahre im Café Z:
Afghanistan, Syrien, Iran, Nigeria, Gambia, Somalia, Kamerun, Ägypten, Eritrea, Kosovo, Bosnien.
 
Die meisten von ihnen sind Muslime, nicht alle davon jedoch den Glauben auch praktizierend. „Ich hab mir hinter der Grenze als erstes das Kopftuch runtergerissen“ berichtete eine junge Frau aus Afghanistan. Im Heimatland verfolgte Christen oder hier erst Getaufte sind ebenfalls unter den hiesigen Geflüchteten.
 
Hervorzuheben ist, dass Ziegelhausen von der Stadt explizit (junge) Familien zugewiesen bekam und bekommt, keine alleinstehenden Männer, weshalb das Potential für möglicher Weise auftretende Probleme auch geringer sein dürfte. Inzwischen leben in den meisten Familien ein bis vier Kinder.
 
Ganz eindeutig stand und steht insbesondere am Anfang für jeden Neuankömmling das Sprachproblem im Vordergrund. Man stelle sich einmal vor, wie es einem selbst ergehen würde: Man betritt ein Land, versteht kein Wort, kann nichts lesen, da die arabische Sprache andere Schriftzeichen hat, und soll sich dann zurechtfinden! Für einige Afghanen und Syrer mit geringer Schulbildung verschärfte sich dieses Problem noch.
 
Da in Deutschland die rechtliche Lage so ist, dass in Ausbildungsberufe und in qualifiziertere Arbeiten erst vermittelt werden darf, wenn Grundkenntnisse der deutschen Sprache nachgewiesen werden können, quälten sich zunächst alle in Kursen zum Spracherwerb, wären jedoch viel lieber gleich einer festen Arbeit nachgegangen. Wobei am Anfang, in den ersten ca. drei Jahren nach der Ankunft hier, fast nur die Männer die Sprachkurse besuchten. Die Frauen waren mit Haushalt und der Betreuung der kleinen Kinder beschäftigt. Ein zwar nicht ungewöhnliches Phänomen, aber durch fehlende Sprachkenntnisse und längerer Suche nach einem Kitaplatz für die Kinder waren die Frauen gleichzeitig isolierter und von ihrem Mann noch abhängiger. Interessant zu beobachten ist, dass dann, ca. seit 2021, nun die Frauen mit dem Spracherwerb befasst sind. Die Kinder haben einen Platz in der Kita oder Schule gefunden, nun besteht für die Mütter auch Zeit zum Erlernen der deutschen Sprache. In den Gesprächen fällt außerdem auf, dass die Mehrzahl der (jungen) Frauen Interesse an berufliche qualifizierter Arbeit hat. Hierfür möchten sie auch eine Ausbildung aufnehmen.
 
Hier zeigt sich ein deutlicher Unterschied zu den Erfahrungen, die Deutschland in den 1960/70er Jahren machte, als die sogenannten „Gastarbeiter“ angeworben wurden: Diese gingen selbst davon aus, dass sie nur vorübergehend in Deutschland sein werden. Dass es anders kam, merkten alle erst später. Folglich war der Spracherwerb für sie und ihre Frauen nicht so wichtig. Die Flüchtlinge seit 2015 jedoch wollen und müssen hierbleiben, da lohnen sich dann Spracherwerb und Ausbildung für sie.
 
Die Sprachkurse waren für viele eine große Herausforderung, insbes. dann, wenn nur geringe Schulkenntnisse im Heimatland zu Grunde lagen. Gerade nach 2015/16 wurde das deutsche Vorgehen oftmals kritisiert, und zum Vergleich Dänemark benannt, wo sofort in Arbeit vermittelt wird. Neuere Untersuchungen bestätigen jedoch das deutsche Modell. Sie zeigen auf, dass ¾ der 2015 zugezogenen Geflüchteten einer Fachkrafttätigkeit oder qualifizierten Erwerbstätigkeit nachgehen. In Dänemark hingegen kommen sie nun von den Arbeiten für geringer Qualifizierte schlechter wieder weg.
 
Wie sieht die Integration in den Arbeitsmarkt aus? Der eben beschriebene allgemeine Sachstand für Deutschland findet sich auch bei den in Ziegelhausen lebenden Geflüchteten. Hier zeigt sich eine beeindruckende Entwicklung. Einige Beispiele seien genannt:
Abgeschlossene Ausbildung zum Maler, Anstellung im hiesigen Handwerksbetrieb
Abgeschlossene Ausbildung zur Arzthelferin, Anstellung in hiesiger Arztpraxis
Abgeschlossene Ausbildung zur Zahnarzthelferin, Anstellung in Arztpraxis
Abgeschlossene Ausbildung zum Busfahrer, Festanstellung
Arbeit als Paketfahrer, Festanstellung
Arbeit in Praxis als Mikrobiologin
Ausbildung zur Kosmetikerin
2x Ausbildung als Schreiner, Anstellung
Bewerbung zum Busfahrer
 
Auch andere Bewerbungen sind in Planung. Diejenigen, die erst in den letzten zwei bis vier Jahren hierherkamen, sind aber noch mit Spracherwerb beschäftigt. Den sehr jungen Frauen mit kleinen Kindern fehlt nach wie vor die Zeit für eine Erwerbsarbeit.
Mir ist keine Familie bekannt, die inzwischen ihren Lebensunterhalt alleine durch staatliche Zuwendungen bestreitet.
 
Wie ist die Wohnsituation? Die Wohnungen der Stadt in der Kleingemünder Straße sind sehr klein, meist nur 2 Zimmer. Dies führt dazu, dass nach und nach Familien wegziehen (müssen), da nach Geburt weiterer Kinder die Wohnung zu klein geworden ist. Wegzüge in andere Stadtteile werden bedauert. Eine Afghanische Familie sagte mir, „wir ziehen auf keinen Fall von Ziegelhausen weg. Das ist jetzt unsere Heimat.“ Besser kann man, glaube ich, hier nicht angekommen sein.
 
In einem der Häuser, in die die Flüchtlinge eingezogen sind, wohnten zu Beginn zwei ältere, eingesessene Ziegelhäuserinnen, Frau R. und Frau W. Entgegen der Vermutung, dass es für sie zu störend sein könnte, wenn nach längerem Leerstand das Haus nun voll wird, meinte Frau W., „endlich ist wieder Leben im Haus“. Frau R. sah das nicht ganz so, aber zu ernsthaften Konflikten führte das dennoch nicht. Beide genossen außerdem das regelmäßige Treffen im Cafè Z, an dem sie auch gerne teilnahmen.
 
Des Weiteren könnte man annehmen, dass der Austausch der Geflüchteten untereinander in beiden Häusern groß sein würde. Das war aber nicht so sehr, was mich anfangs überraschte. Als Gründe mögen die unterschiedlichen Nationalitäten mit verschiedenen Sprachen und Kulturen eine Rolle spielen. Sicher waren viele auch sehr froh, aus den vorherigen Massenunterkünften raus zu sein und endlich wieder eine Privatsphäre und einen Rückzugsort zu haben.
 
Einzelbeispiele von Biographien der Flüchtlinge in Ziegelhausen
1.      K. aus Afghanistan
K. lebte mit ihrer afghanischen Familie seit ihrem zweiten Lebensjahr im Iran. Ihre Eltern sind Bauern und fundamentale Muslime, die den Taliban nahestehen. Ihrer Lebensweise und ihren Vorstellungen widersetzte sich K. zunehmend. Sie hat fünf Geschwister. Mit 15 Jahren beschließt sie 2015 die Flucht. Der erste Fluchtversuch mit ihrem Freund scheitert, sie werden an der Grenze zurück nach Afghanistan geschickt (obgleich sie im Iran aufgewachsen ist, aber eben den Afghanischen Pass hat). Kurz danach (3/2016) zweiter Fluchtversuch: Flug in den Iran, weiter zu Fuß und per Bus bis Österreich, zum Teil mit Hilfe von Schleusern („das geht gar nicht anders“), dann in diversen Aufnahmeeinrichtungen in Leipzig, in der Schweiz (freiwillig), Konstanz, Karlsruhe, HD Schlierbach (Jugendeinrichtung), Ziegelhausen. Sie ist eine der 3.600 unbegleiteten minderjährigen weiblichen Geflüchteten damals in Deutschland. In Ziegelhausen lässt sie sich taufen.
 
2017 wird ihr Sohn geboren, da ist sie 17 Jahre alt und lebt mit dem Vater des Kindes zusammen. Diese Verbindung löst sich nach vier Jahren auf. Da sie keinerlei Schulabschluss hat, macht sie diesen hier nach, nach neun Monaten Deutschkurs spricht sie fließend Deutsch ohne Akzent und durchläuft erfolgreich eine Ausbildung zur medizinischen Fachangestellten. Eine Festanstellung in einer Arztpraxis erhält sie sofort.
 
Wie fühlt sie sich hier? In Deutschland fühlt sie sich wohl, genießt die Freiheiten. Zurück würde sie nie mehr wollen, der Kontakt zu den Eltern ist abgebrochen. Die Vorstellungen von Deutschland und Europa waren aber ganz anders als die hiesige Realität. „Ich träumte vom reichen Europa, wo man wenig arbeiten muss und schnell zu viel Geld kommt.“
 
Café Z war für K. besonders wichtig wegen der sozialen Kontakte, nachdem ihr Sohn geboren wurde. Sehr schwer ist für sie, dass Verwandtschaft fehlt, die sich auch mal um den Sohn kümmern kann, und dass sie bei Festen nicht mit ihren Geschwistern und Tanten feiern kann. Rassismuserfahrung hat sie keine.
Leider ist K. weggezogen, da sie keine größere Wohnung in Ziegelhausen fand.
 
2.      J. und H. aus Afghanistan
J. geboren 1992, H. geboren 1989, sie haben zwei Söhne, sieben und vier Jahre alt, die beide hier geboren sind. Ihr Fluchtweg ging 2016 zu Fuß, Bus und Bahn über den Iran, Türkei, Griechenland, Bulgarien nach Deutschland. Wie alle hatten sie Fluchthelfer, ab Griechenland Hilfe des Roten Kreuzes und der UN. Sie waren in verschiedenen Flüchtlingsheimen zwischen sechs Wochen und sechs Monaten, in Bayern, Freiburg, Villingen, Heidelberg, dann Wohnung in Ziegelhausen. Sie sind aus politischen Gründen geflohen, möchten aber nicht näher darüber sprechen.
 
Die gesamte Familie ist leider noch in Afghanistan. Die Freunde, die sie in Deutschland haben, sind als Freundschaften in zwei Flüchtlingsunterkünften entstanden.
 
Sie sind Muslime, praktizieren den Glauben aber nur wenig. H. hat nach vier Jahren in Deutschland ihr Kopftuch abgelegt.
Café Z hat beiden am Anfang sehr geholfen, besonders bei Kontakten mit Behörden und beim Ausfüllen schwieriger Formulare.
Nicht nur das anfängliche Erlernen einer fremden Sprache, sondern das monatelange Warten auf einen Platz im Sprachkurs war sehr belastend. Nach seiner erfolgreich abgeschlossenen Malerlehre hat J. nun eine Festanstellung im Ort. H. hat den Sprachkurs B1 und überlegt, welchen Beruf sie ausüben möchte. Am liebste wäre sie Hebamme, aber für die notwendige Ausbildung reichen ihre Deutschkenntnisse noch nicht.
 
Ja, Deutschland ist anders als gedacht, meint J. Die Arbeit ist stressiger, immer muss man pünktlich sein, das ganze Leben ist hier anstrengender, man muss selbst Verantwortung übernehmen und die Steuern sind so hoch! In Afghanistan musste man selten Steuern zahlen!
 
Grundsätzlich ist J. sehr zufrieden in Ziegelhausen. Hier ist seine Heimat, auch wenn die Wohnung etwas klein ist für vier Personen, auf keinen Fall will er wegziehen.
Rassismuserfahrungen haben sie nicht.
 
3.      G. und S. aus Syrien, sie sind Kurden
2016 kamen sie nach Deutschland, haben inzwischen drei Kinder, 2017, 2019 und 2024 geboren. Beide sind gebürtige Syrer, wobei G. mit seinen Eltern schon sechs Jahre in der Türkei lebte und S. ein Jahr. Sie sahen für sich und ihre späteren Kinder keine Perspektive in der Türkei, außerdem wurden sie als Kurden verfolgt. S. beklagt darüberhinaus die Bestechung dort. In Deutschland sei alles besser.
Ihre Flucht aus der Türkei dauerte eine Woche, über Griechenland und Serbien nach Deutschland (Siegmaringen, Heidelberg PHV, Aufnahmeeinrichtung Eppelheim, Ziegelhausen).
 
G. hat drei Jahre eine Grundschule besucht, S. hat die Hauptschule abgeschlossen und war weitere sechs Jahre auf weiterführenden Schulen mit Textil-, Kunst- und Musikschwerpunkt.
 
G. arbeitet seit vier Jahren in ungelernter Tätigkeit beim Rhein-Neckar-Verkehrsbund und beabsichtigt, in Kürze eine Ausbildung als Busfahrer anzutreten. Da S. 2024 das dritte Kind bekommen hat, kann sie momentan keine beruflichen Pläne verfolgen. Ihr fehlen die Eltern, da sie so keinerlei Entlastung bei der Kindererziehung hat. Zum Glück hat sie eine enge Freundschaft mit einer ehemaligen Nachbarin geschlossen, die am Anfang mit ihr einkaufen ging, sich mit den Kindern herzlich angefreundet hat und sie öfter besucht.
Aus Ziegelhausen sind sie vor einem Jahr weggezogen, die 2- Zimmerwohnung wurde für die 4- köpfige Familie zu klein. Im Ort fand sich leider keine größere Wohnung.
 
Das Café Z war sehr wichtig für beide wg. der Kontakte, der Konversation auf Deutsch und der Hilfe und Unterstützung bei Problemen.
Die ersten zwei bis drei Jahre waren besonders schwer wegen der Sprache „ist aber normal“. „Die Bürokratie ist immer ein Problem, die Steuern sind zu hoch“.
 
Die Kinder sollen gute Berufe erlernen, die Tochter „am liebsten Lehrerin“, gut deutsch spricht sie schon, der Sohn Mechaniker.
 
4.      N. und F. aus dem Iran
Sie kamen 2014 mit dreijähriger Tochter nach Deutschland, 2016 wurden ihre Zwillinge (Jungen) geboren. Sie sind mit einem Touristenvisum nach Italien geflogen, dann weiter nach Deutschland.
 
Als Christen wurden sie im Iran verfolgt und diskriminiert. N. bekam deshalb Probleme bei der Arbeit, aber auch mit der muslimischen Familie. Beide sind Cousine und Cousin.
 
Besonders schrecklich waren nach ihrer Ankunft in Deutschland die Unterbringungen in den Gemeinschaftsunterkünften, wenig Platz und keine Privatsphäre.
 
Beide haben Abitur. Belastend war am Anfang das Warten auf den Sprachkurs und dass N. deshalb nicht arbeiten durfte. F. meinte, dass sie wusste, dass es schwer werden würde, sich hier einzuleben, sie ahnte aber nicht, dass es so schwer würde.
Café Z, besonders Pfarrer v. Uslar-Gleichen und seine Frau, waren eine ganz große Stütze für N. und F. Dort war das Deutsch sprechen sehr hilfreich.
 
Positiv am Leben in Deutschland sind die Freiheit, frei Entscheidungen treffen zu können, alles sagen zu können ohne Ängste, sich zu kleiden wie man möchte, und dass man in den Geschlechterrollen freier ist.
 
Der Familienverbund fehlt ihnen, besonders der Kontakt zu den Eltern. Sie haben zwar Freunde hier, aber das Leben hier ist so, dass die meisten keine Zeit haben, insofern sieht man sich selten.
 
N. hat eine Festanstellung als Busfahrer, nachdem eine Selbständigkeit in der Gastronomie nicht erfolgreich war. F. arbeitet im Verpackungsbereich.
 
5. F. aus Afghanistan mit Familie
2015 ist F. mit ihrem Mann und fünf Kindern aus Afghanistan geflohen. Da war sie 67 Jahre alt, sie ist somit die Älteste Geflüchtete im Café Z.
 
Der Fluchtweg ging über die Türkei, mit dem Schlauchboot übers Mittelmeer nach Griechenland. Hier half ihnen die UN. Weiter flohen sie zu Fuß und mit dem Bus über Serbien, Österreich nach Deutschland.
 
Die Fluchtgründe waren, dass der Mann, der im Suq ein Sockengeschäft hatte, durch einen Kopfschuss der Taliban schwer verletzt wurde. Außerdem wollten sie den Kindern eine Perspektive bieten. Sie ist gläubige Muslima.
 
Hier fühlt sich F. nun frei, sicher und gut. Die Kinder haben eine Zukunft, sie gehen zur Schule oder machen eine Ausbildung, der Mann muss gepflegt werden.
 
Café Z ist sehr wichtig für sie, obgleich die Kommunikation mit ihr schwierig ist, da sie kaum Deutsch versteht, geschweige spricht. Die Haushaltsartikel, die dort angeboten werden, finden bei ihr viel Zuspruch.
 
Weitere Flüchtlinge:
N. mit Mann und hier geborener Tochter, aus dem Iran. Sie Mikrobiologin, er Paketbote, beide Festanstellung.
H.  mit Neffen aus Syrien, seit 2021 hier. Der Vater des Neffen M. lebt nicht mehr, die Mutter wartet in Syrien auf ein Visum. Für H. ist die deutsche Sprache sehr schwer. Der Junge (8) macht große Fortschritte mit der Sprache, ist sehr interessiert und aufgeweckt und lebt sich zusehend besser hier ein, was anfänglich nicht so war.
 
B. ist Schwester von H., hat 2 kleine Kinder, von denen sie voll in Anspruch genommen wird.
F. mit 2 kleinen Kindern
Die Männer von B. und F. sind beide berufstätig.
M. und O. mit 3 kleinen Kindern aus Syrien
S. kam aus Syrien mit ihrem Bruder. Sie leben hier zusammen.
S. aus Nigeria, A. aus Gambia und N. aus Somalia kümmern sich um ihre Kinder und planen später vielleicht eine Berufstätigkeit.
Besucherin: M. mit 15-jähriger Tochter S. Die Eltern sind mit vier kleinen Kindern 2016 aus Syrien geflohen. Die Flucht über das Mittelmeer mit 80 Personen in einem Schlauchboot für 50 Personen war traumatisch, unvergesslich als zwischenzeitig der Motor mitten auf dem Meer ausfiel. S. spricht fließend deutsch, geht aufs Gymnasium und möchte Zahnärztin werden. Ihre Geschwister sind in Ausbildungsberufen tätig, der Vater hat eine Festanstellung.
 
Zusammenfassende Schlussfolgerung
Die Erfahrungen mit den Geflüchteten in Ziegelhausen decken sich in keiner Weise mit dem Bild, das zunehmend von „den Flüchtlingen“, „den Migranten“, insbesondere durch Populisten verbreitet wird. Kurz gesagt: Die Geflüchteten hier wollen Deutsch lernen und haben es auch getan, wollen arbeiten, bereichern jetzt schon den hiesigen Arbeitsmarkt, auch die Frauen wollen sich nicht isolieren. Die Mehrzahl hat einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz. Man kann sagen, sie sind gut integriert. Der örtliche Lebensmittelmarkt kann seinen Umsatz durch die neuen Mitbürger/innen steigern, da sie überwiegend vor Ort einkaufen. Mir liegen keine gesicherten Erkenntnisse vor, dass irgendjemand von ihnen kriminell wurde.
Wie im gesamten Bundesgebiet sind auch hier die meisten Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und dem Iran. Besonders schwer scheint es für die Menschen aus den afrikanischen Ländern zu sein, Fuß zu fassen. Hier intensiver zu helfen könnte eine Aufgabe für die Zukunft sein.
 
Von Diskriminierungen oder Anfeindungen hat keine/r der Geflüchteten berichtet.
Richtig bewusst wurde mir selbst erst durch meine Kontakte folgendes: Mit den Kindern wächst eine Generation ohne Großeltern heran. Diese sind im Heimatland geblieben. Von den jungen Eltern wurde genau das auch sehr bedauert: Es gibt keine Großelternbetreuung, Entlastung, und die früher großen Familienfeste sind jetzt vergleichsweise kümmerlich. Echte neue Freundschaften in der Fremde zu schließen ist für alle schwer.
 
Café Z hat eindeutig eine sehr wichtige Funktion erfüllt. Es gibt niemanden, der/die sich nicht eindeutig positiv dazu geäußert hat. Insbesondere wurden zu Pia v. Uslar-Gleichen herzliche Kontakte geknüpft. Für diejenigen, die 2015/16 kamen, ist das Café zu einem Ort der Begegnung geworden, wie es ein anderes Café inzwischen auch sein könnte. Für die Neuankömmlinge der letzten Jahre bietet es nach wie vor mehr. Man kann aber klar festhalten: Ein „normales“ Café, das offen wäre für alle Ziegelhäuser als Begegnungsort, könnte das Café Z inzwischen weitgehend ersetzen, es würde den Ort bereichern und den Zusammenhalt stärken.
 
November 2024, Sabine Kroker-Stille